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Neuigkeiten

BEZIEHUNG ALS BASIS DER BERATUNG

Dass die Beziehungsebene in Beratungsprozessen unterschätzt wird, schreibe ich auf LinkedIn ja quasi als running gag. Für das Format Supervision habe ich das im Anschluss an meine Reihe zur Organisationsberatung einmal in einem Fachartikel systematisiert. Der ist in der Zeitschrift Supervision (Ausgabe 3/2025) erschienen, die ich allen ans Herz legen möchte für ein Abonnement. Das einzelne Heft gibt es hier:
https://psychosozial-verlag.de/programm/4000/4132/8530-detail

In meinem Artikel geht es um:
• Die sozialen Grundmotivationen in Beziehungen, sichere Bindungen aufrechtzuerhalten und Anerkennung zu schenken und zu bekommen.
• Die Komplikationen in Dreiecksbeziehungen
• Die unterschätzte Bedeutung der Arbeitsallianz für den Erfolg eines Beratungsprozesses
• Glanz und Elend der Beratung als Beziehungsarbeit: ihre besonderen Chancen und ihre bleibende Semiprofessionalität

Ich hab dazu auch ein Whitepaper angefertigt

MÄNNLICHKEIT - DER MYTHOS NUTZT PATRIARCHEN UND IHREN SÖHNEN (6/6)

Beitrag auf LinkedIn

Ich habe behauptet: Männlichkeit erkennt man an Gewalt, Besitzansprüchen, Leistungsglauben und hohen Suizidraten. Außerdem habe ich Ideen „echter Männlichkeit“ als gesellschaftlich normales mythisches Denken bezeichnet. Jemand muss diesen Unsinn wollen. Wer profitiert vom Mythos „Männlichkeit“?

Die Väter. Aber natürlich lange nicht alle. Tatsächlich ganz, ganz wenige. Vor allem weiße. Extrem gut situierte.

Der antideutsche, linke Denker Herrmann Gremliza hat sich einmal amüsiert über Freunde, die ihre ersten Millionen verdient hatten und jetzt dachten, er müsse sie für Kapitalisten halten. Nein. Tat er nicht. Auch nicht jeder Arsch, der Frauen schlecht behandelt, ist ein Patriarch. Nur die sehr sehr Reichen sind das. Der durchschnittliche misogyne Sexist ist ein Handlanger des Patriarchats. Er rafft nicht, dass er häßlicher Ausdruck einer mythischen Struktur ist, die ihn selbst fertig macht, während er Frauen fertig macht. Möge er erwachen.

Einen Patriarchen erkennt man daran, dass er über dem Gesetz steht. Er lässt Gesetze verabschieden. Der misogyne Verbrecher, der leider US-Präsident ist, brüstet sich damit, er könnte jemand auf der Fifth Avenue erschießen und damit davonkommen. Er brüstet sich damit, ein Patriarch zu sein, für den das Gesetz nicht gilt. Seine gesellschaftliche Position ist so privilegiert, er gewinnt immer. Denkt er. Dachte Epstein auch.

Einen Patriarchen erkennt man daran, dass er seine Söhne promotet. Aus Kim Il-sung wird Kim Jong-il wird Kim Jong-un. Es muss nicht unbedingt so dynastisch zugehen. Aber es gehört zur Struktur, dass ein Mann die patriarchale Macht erbt. Auf der Forbes-Liste der Superreichen finden sich aktuell 3.428 Menschen, die mehrere Milliarden besitzen. Nur jeder 10. Platz gehört einer Frau. Unter den reichsten 30 Menschen ist es genau e i n e. Patriarchen teilen sich die Welt auf. Die Unterscheidung von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ ist das Kernkonzept dieser menschenverachtenden Mythologie der Reichen.

Mein Thema sind mythologische Ideen von „Männlichkeit“. Aber es ist leicht zu sehen, dass dieses Phantasma des Patriarchats mit weiteren Mythologien verflochten ist, die Menschen rassistisch, klassistisch oder ableistisch diskriminieren. Zusammen „legitimieren“ diese Mythen die wenigen patriarchalen Profiteure des Kapitalismus.

Für forcierte Männlichkeit bezahlen alle. Zuerst diskriminierte Gruppen unserer Gesellschaft, aber auch Männer: mit Einsamkeit, Hilflosigkeit, Wut und auch dieser abstoßenden Dauergekränktheit, an der man „echte Männer“ zur Zeit am sichersten erkennt. Ich sag´s, wie es ist: „Männlichkeit“ im Patriarchat ist ein Privilegierten-Knast, im dem diskriminierte Menschen gequält werden, FLINTA*, aber auch BIPoQ, Arme, Be_hinderte … Dabei haben wir eine gemeinsame Aufgabe: diesen Planeten für alle Menschen zu einer lebenswerten Heimat zu machen. Für alle. Darunter ist Menschenwürde nicht zu haben.

MÄNNLICHKEIT - DER MYTHOS EWIGER LEISTUNG (5/6)

Beitrag auf LinkedIn

Das kennen wir Männer, oder? „Leistung muss sich wieder lohnen!“ Der Spruch ist im Kapitalismus das phallische Credo. Wer leistet, ist anspruchsberechtigt und zählt. Wer immer mehr leistet, ist bereits angezählt, könnte man entgegnen. Denn auch Männer sehen auf Dauer in einem Leben keinen Sinn, in dem sie nie schwach sein dürfen.

„Im Jahr 2024 beendeten 10.372 Menschen ihr Leben durch einen Suizid. Das waren 0,7 % mehr Fälle als im Vorjahr und 7,1 % mehr als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Die tendenzielle Verteilung zwischen Männern (71,5 %) und Frauen (28,5 %) ist dabei relativ konstant geblieben.“

2024 nahmen sich j e d e n T a g ca. 20 Männer in Deutschland das Leben.
Das muss man erstmal sacken lassen.

Fachleute für Suizidprävention führen das auf wenige ziemlich stereotype Faktoren zurück:
- Männer kommen mit schwierigen Lebenssituation nicht so gut klar, weil sie sozial unverbundener leben und mit wenig wirksamen Coping-Strategien hantieren.
- Männer werden krank oder depressiv, fragen aber aus Stolz oder Scham nicht um Hilfe. Gesellschaftliche Männlichkeitsklischees vermitteln ihnen: Männer sollen auch in problematischen Situationen alleine stark sein und weiterschuften. „Schaffe, ned schwätze“, empfiehlt der Milliardär Würth seinen Mitarbeitern.
- Männertypische Berufe gehen zum Teil mit „einem erhöhten Risiko für Arbeitsunfähigkeit, Alkoholsucht oder Drogensucht sowie posttraumatischem Stress“ einher.
Kurz: Männer tun Männerdinge. Bis zu Karōshi.

Nähme man das für Männer Typische aus diesen Motivlagen und Bewältigungsmustern heraus, würden wohl die meisten Verzweifelten noch leben.

„Männlichkeit“ ist für Menschen, die am Leben hängen, offenbar hochproblematisch. Was machen wir jetzt damit, Männer? Wir könnten uns einmal fragen, was in Unternehmen passiert, wenn immer mehr Standvermögen und Durchsetzungskraft unter der Bedingung von Konkurrenz gefordert wird. Immer „mehr männliche Energie“ (Zuckerberg) von immer ausgelaugteren Menschen.

Wir wissen, dass die Ansprüche der mächtigen Menschen in unserem Wirtschaftssystem nicht befriedigt werden können. Es ist schlicht nicht vorgesehen, dass das Wachstum ein Ende findet. Dass es einmal reicht. Dass mehr einfach nicht mehr geht. Dass wir keine Lust oder Kraft mehr haben. Es wird global viel davon abhängen, ob wir Männer es schaffen, uns von Besitztiteln und Leistungsidealen zu trennen und gemeinsam Sinn in ganz einfachen Fragen zu finden: „wenn ich einmal kurz davon absehe, dass ich männlich wirken soll, was tut mir eigentlich gut?“ „Was brauche ich?“ „Was will ich denn für mein Leben?“ Immer noch mehr leisten? Echt jetzt?

MÄNNLICHKEIT - EIN MYTHOS VON ANSPRÜCHEN UND BESITZ (4/6)


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Auf den ersten Blick ist es ein Leben voller Vorzüge, das Männer erwartet. Ihnen wachsen dominante Positionen zu, sie gelten als Norm, an der sich andere messen lassen müssen. Ein Mann zu sein, bedeutet, mächtig zu sein und Karrierevorteile zu genießen. „Männlichkeit ist, als soziales Konstrukt, scheinbar unauflöslich mit Macht konnotiert. Die symbolische Verknüpfung von Männlichkeit und Macht gilt für die heterosoziale wie für die homosoziale Dimension der Gesellschaftsverhältnisse.“ (Michael Meuser, Geschlecht, Macht, Männlichkeit, in: EWE (Anm. 2), S. 325–336, hier: S. 327)

Der Mythos, dass Männer im Grunde Frauen überlegen sind, ist als patriarchale Dividende beschrieben worden. Als eine in der Gesellschaft breit verankerte Grundüberzeugung, auf die sich (nicht nur) Männer zurückziehen können, wenn es ihnen an ihre Privilegien geht. Die Besitzansprüche im Zielbild der Männlichkeit sind umfassend: dazu gehören Ansprüche auf Anerkennung, Dominanz sowie den seelischen Beistand und den Körper von Frauen. Wer glaubt, dass ihm all das selbstverständlich zusteht, hat sich für ein Leben voller Kränkungen entschieden. Weil nichts davon legitim gefordert werden kann.

Während weibliche Führungskräfte in meiner Praxis eher dazu neigen, ihre Eignung und Kompetenz selbstkritisch zu hinterfragen, zweifeln die Männer vergleichsweise selten daran, für ihre Leitungsposition der Richtige zu sein. Gehalt, Status, Entscheidungsmacht, Personalverantwortung, Dienstwagen etc. - alles steht ihnen fraglos zu. Der berufliche Erfolg ist einfach die Bestätigung ihrer Selbstbeschreibung. So bin ich eben. Ein echter Mann. Es ist eigentlich kein Erfolgsrezept für Unternehmen, wenn die ego-orientierten Ansprüche der Führungskräfte von Anfang an ihre wichtigste Motivation darstellen. Aber man staune:

Die Männerforschung beschreibt die männliche Identität als den Kit, der in der globalisierten Wirtschaft transnationale Kooperationen trotz harscher Konkurrenz stabilisiert. Es hat sich ein „Genderregime“ entwickelt, das Männern im Management die Kooperation unter Bros weltweit erlaubt. Sozial schlechter gestellte Männer sind von der Party ausgeschlossen. Sie profitieren deutlich weniger von den patriarchalen Strukturen. Sie sind ihnen ausgesetzt. Mächtigere verfügen über sie als Arbeitskraft. Die Ohnmächtigen kompensieren ihre Gefühle, abgehängt und ausgenutzt zu sein, wiederum mit den Möglichkeiten „männlicher“ Verhaltensnormen. Sie führen sich diskriminierten Gruppen gegenüber dominant auf und kassieren ihre patriarchale Dividende. Viele Männer geben tatsächlich lieber ihr Leben auf, als ihre „Männlichkeit“ zu riskieren, und zu sagen, „ich kann nicht mehr“, „in dem abgekarteten Scheißspiel kann ich nicht gewinnen.“ Lasst uns die Regeln ändern.

MÄNNLICHKEIT - WAS MÄNNER ALLES MÜSSEN (3/6)

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Mal unter uns gesagt, Jungs: wie ist das, wenn einer seiner Kollegin auf den Hintern starrt? Ihr einen Klaps gibt? Ihren Körper ungefragt kommentiert? Peinlich und übergriffig ist das. ABER: (und da würden sogar manche Feministinnen beipflichten) so sind wir Männer eben. Testosteron. Kann man nichts machen…

Privat und in meiner Praxis als Berater höre ich immer wieder von Fällen sexualisierter Gewalt. Eine Klientin besucht eine Betriebsfeier, trinkt mit und wird auf dem Heimweg von einem Mann vergewaltigt. „Wie unvorsichtig. Man weiß doch, wie Männer sich verhalten, wenn sie getrunken haben“. Ja, das ist bekannt. Und der Kommentar führt vollkommen in die Irre. Er macht aus dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung eine Selbstschutzaufgabe für Frauen unter Tieren.

Hinter all dieser Entschuldigungsrhetorik steht ein verbreiteter Mythos von Männlichkeit. Ein Mann wird darin einem Dampfkessel verglichen, der unablässig von der Flamme seines Sexualtriebs beheizt wird. Wenn er nicht oft genug „Druck ablässt“, kocht er eben über, egal wer grade vor ihm steht. Wer nicht bei drei auf dem Baum ist, war zu langsam. Darin soll der Mann so selbstbestimmt sein, wie der Kolben einer Dampflok. A man´s gotta do, what a man´s gotta do.

Dieser Mythos ist eine unerträglich entwürdigende Sicht auf männlich gelesene Menschen. Alle, die einen Penis haben, sollten auf diesem Männlichkeitsschiff sofort meutern. Hört gut zu, Incels: Männer schaffen es ganz ohne Amoklauf, jahrelang keinen Sex zu haben.

Der Mythos von der männlichen Sexabhängigkeit ist ein Ablenkungsmanöver.
- Er lenkt davon ab, dass Männer (muss ich das betonen?) ihr Sozialverhalten zurechnungsfähig selbst entscheiden und dafür auch verantwortlich zu machen sind.
- Er lenkt davon ab, dass Frauen ebenso sexuelles Begehren kennen. Und es gelingt ihnen ganz überwiegend, es zu befriedigen, ohne anderen Menschen dabei Gewalt anzutun.
- Der Mythos lenkt außerdem davon ab, dass Frauen Männern keinen Sex schulden (auch kein Geld, keine Care-Arbeit, keine Bewunderung, keine seelische Unterstützung).
- Und er lenkt davon ab, wessen Macht durch den Mythos geschützt wird. Spoiler alert: die der Patriarchen.

Was heißt das am Arbeitsplatz?

Der ideale Mitarbeiter ist anspruchsvoll, konkurrierend und leistungswillig ohne Ende. Er will und kann immer. „Dienst nach Vorschrift“, „vertraglich vereinbarte Leistungspflichten“, „Das Glück der Faulheit“ stellen seine Identität in Frage. Druckkessel-Männlichkeit ist der feuchte Traum des Kapitals. Und für Männer der sicherste Weg in Burnout und Depression.

Noch ein Wort dazu, wie das mythische Denken funktioniert und triumphiert: Bilde eine Gruppe („Männer“). Verknüpfe sie mit normativen Kategorien - „notgeil“ (3/6), „anspruchsberechtigt“ (4/6), „immer leistungswillig“ (5/6). Sanktioniere Abweichungen als Outgroup, z. B. als „schwul“. Denke nicht darüber nach, wem so ein Mythos dient (reichen weißen Vätern, Söhnen, Männern, 6/6).

MÄNNLICHKEIT - EIN MYTHOS DER GEWALT (2/6)

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Männer, wie kann das normal sein?

88% der Männer zwischen 18 und 35 in D glauben, so zu sein, wie ein Mann sein sollte. Das ist keine gute Nachricht, wenn es so weitergeht in der Studie:
- Mehr als ein Drittel (34%) gibt an, Frauen gegenüber schonmal handgreiflich zu werden, um ihnen Respekt einzuflößen.
- 63 % berichten, dass sie sich oft mit anderen messen und unter den Besten sein möchten.
- 71 % gehen davon aus, persönliche Probleme selbst lösen zu müssen, ohne um Hilfe zu bitten. In Deutschland sterben btw mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und AIDS z u s a m m e n. 71% der Suizide begehen Männer.

Zählt einmal die U35-Kerle in Eurem Unternehmen durch. Zwei Drittel konkurrieren notorisch mit euch. Ein Drittel ist gewaltbereit gegen Frauen. 63% der jungen Männer fühlen sich manchmal traurig, einsam oder isoliert. Kaum einer würde deshalb Hilfe suchen. Sie setzen sich lieber hinters Lenkrad. 43 Prozent sagen, sie fahren gern draufgängerisch und schnell Auto.

Wieso tun sich Männer so ein einsames, gewaltvolles, gefährliches Leben an?
Warum tun sie das Frauen an?

Weil sie glauben zu wissen, was ein Mann ist und was er tun sollte.

Wer sagt ihnen das? Mein Penis hat mir nie erklärt, was ich zu tun habe als Mann. Das waren meine Eltern, Freunde, Lehrer, Bücher, Filme … Mit welchem Verhalten ich männlich wirke, musste ich erst lernen. Durchaus schmerzvoll. Niemand kommt männlich zur Welt. Aber alle Männer fürchten, es nicht zu sein. Die „Männlichkeit“, die wir lernen, macht uns glauben, es gäbe bei Menschen mit Penis einen Wesenskern, den sie ausleben oder verfehlen können. „Männlichkeit“ ist mythologisches Denken und eine Falle. Da ist kein Wesen und kein Kern. Da bist nur Du.

Was der anerzogene Mythos bewirkt: Ich werde nie erfahren, wer ich wäre, wenn nicht schon bei meiner Geburt festgestanden hätte, was ich zu sein habe. Manche Menschen akzeptieren das grundsätzlich nicht. Wir sollten sie feiern - Trans-Menschen und queere Menschen, die sich trauen, nicht auf gesellschaftliche Normtypen festgelegt zu sein. Auch sie fühlen sich sicher „manchmal traurig, einsam oder isoliert“, aber aus einer anderen Haltung heraus. Sie bestimmen ihre Normen aktiv mit. Sind das nicht die Mitarbeitenden, die sich jedes Unternehmen wünscht? Selbstbestimmt, „out of the box“ denkend, innovativ, unangepasst und mutig?

Im Arbeitsleben ist, so weit ich sehe, mythische „Männlichkeit“ nach wie vor Trumpf. Frauen sind in D nur auf 5% der CEO-Posten zu finden. Aber wenn wir Männer uns wünschen, dass unser Arbeitsleben stressfreier, weniger gewaltsam und weniger gefährlich wird, dann müssen wir uns von Mythen der „Männlichkeit“ trennen, die uns kaputt machen.


Ich beziehe mich auf diese Quelle:
https://www.plan.de/fileadmin/website/04._Aktuelles/Umfragen_und_Berichte/Spannungsfeld_Maennlichkeit/Plan-Umfrage_Maennlichkeit-A4-2023-NEU-online_2.pdf

DIE TECHNIK DES MYTHOS - FASCHISMUS ALS SOZIALTECHNOLOGIE (1/6)

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Ernst Cassirer hat 1945 das Buch „Der Mythus des Staates“ veröffentlicht. Darin versucht er zu verstehen, wie das Grauen des Faschismus möglich war. Seine Analyse ist heute mehr als lesenswert:
- Cassirer beschreibt, wie die Faschisten eine neue Sozialtechnologie nutzen. Sie lockern die „früheren sozialen Bindungen - Gesetz, Gerechtigkeit, Verfassungen […]. Was allein zurückbleibt, ist die mystische Macht und Autorität des Führers […].“ D. h. Der Faschismus erzeugt eine Mythologie, die die rationalen Grundlagen des politischen Lebens zielstrebig zerstört.
- Dazu greift er auf Mythen wie die Rassenlehre zurück, die jeder politischen Legitimität entbehren. „Die neuen politischen Mythen wachsen nicht frei auf. […] Sie sind künstliche Dinge, von sehr geschickten und schlauen Handwerkern erzeugt. […] Künftig können Mythen im selben Sinne und nach denselben Methoden erzeugt werden, wie jede andere moderne Waffe.“ Z. B. der Führerkult ist so eine Waffe.
- Zur Technik des Mythos gehört es, die Sprache magisch zu gebrauchen und ihrer logischen und semantischen Funktion zu berauben. Es geht nicht mehr um die Bedeutung des Gesagten, sondern um die emotionale Bindung, die es erzeugt. Du kannst lügen, wenn die Lüge die passende Emotion weckt: passend zum gewählten Mythos, z. B. von den ›gefährlichen‹ Asylsuchenden im Land. Dazu kommt die mythische Wirkmacht, die die Sprache jeder überprüfbaren Realität beraubt: Der Krieg gegen den Iran ist in wenigen Stunden gewonnen, so wie das deutsche Reich tausend Jahre währt.
- Die Technik des Mythos vereinfacht das Leben: Menschen verlieren ihre Freiheit, wenn sie dem Führer folgen, aber sie werden dabei auch ihre quälende Verantwortung los. Was kümmert mich der Klimawandel, die Ungerechtigkeit in der Welt und die Grausamkeit der Kriege, wenn es den Führer nicht kümmert?
- Cassirer hofft auf „höhere Kräfte“, die den mythischen Unterbau des sozialen Lebens in Schach halten. „Solange diese Kräfte, intellektuelle und moralische, ethische und künstlerische, in voller Stärke stehen, bleibt der Mythus gezähmt und unterworfen. Aber wenn sie einmal ihre Stärke zu verlieren beginnen, ist das Chaos wiedergekommen.“

Cassirer wusste nichts von Internet und Social Media. Wie in den neuen Medien Mythen handwerklich erzeugt werden, kann man an der Manosphere studieren. Es gibt da alle Mythologien des Faschismus, die offen menschenfeindlich sind: besonders Rassismus, Klassismus, Ableismus und Sexismus werden laufend erneuert.

Was Cassirer bereits kannte, ist unsere unauflösliche Verstricktheit in mythisches Denken und Fühlen. Menschen sind und bleiben Teil des Problems und es kostet uns Kraft, uns rational aus dem mythischen Sumpf zu stemmen. Als Mann bin ich handelndes Subjekt der sexistischen Mythen, in denen wir leben. Warum es sich lohnt, diesen mythischen Mist infrage zu stellen, werde ich hier unter dem Titel „MÄNNLICHKEIT - EIN MYTHOS AM ENDE“ weiter diskutieren.



FACHTAG „ZUGEHÖRIGKEIT: SICHERERE RÄUME FÜR INNERES WACHSTUM“ 07.11.25

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Unser nächster Fachtag am 7. November 25 schliesst thematisch an den letzten im Februar zum „langen Schatten des Patriarchats“ an. Wir nehmen diesmal ein gruppendynamisch gut etabliertes Thema, die erlebte Zugehörigkeit, in den Fokus. Wenn wir in Trainings oder Beratungen beobachten, dass sich Menschen unterschiedlich sicher zugehörig fühlen, unterschätzen wir leicht die existentielle Tiefe dieses Erlebens. Der Psychiater Joachim Bauer resümiert Ergebnisse eines Experiments: „Das menschliche Gehirn bewertet zugefügten körperlichen Schmerz auf die gleiche Weise wie soziale Ausgrenzung und Demütigung.“ Ausgrenzung löst erhebliche Alarmreaktionen im Körper aus. Sicherere Räume sind kein Luxus, sie sind eine Frage der Menschenwürde.

Wir haben großartige Speakerinnen für unser Podium gewonnen:
- Selmin Çalışkan, Strategic Advisor & Executive Coach, war seit 2019 die Direktorin für Institutionelle Beziehungen im Berliner Büro der Open Society Foundations. Von 2013 bis 2016 war sie die Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International.
- Dr. Irina Volf ist Direktorin und Bereichsleitung Armut am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.
- Edina Wiesner ist Trainerin und Inhaberin der Wiesner & Snir Academy and Consulting, Budapest.
Sie werden eigene und berichtete Erfahrungen diskutieren und die realen Risiken fehlender Zugehörigkeit beschreiben.
- Cornelia Schneider ist Trainerin für Gruppendynamik und Trainerin zu diskriminierungssensibler Bildungsarbeit.
Moderieren wird das Podium Prof. Dr. Annika Wolf.

Am Nachmittag gehen wir zentralen Fragen in 4 Workshops nach:
„Zugehörigkeit aus rassismuskritischer Perspektive. Möglichkeiten in der Gruppendynamik.“ (Cornelia Schneider)
„Sexismus“ (Annabelle Schächinger, Silke Mathes)
„Mit Sicherheit unsicher in Schwellenräumen“ (Andrea Kleinhuber)
„Fremdheit, Vorurteil - wie kommen wir in Kontakt?“ (Edina Wiesner, Thomas Vogl)

Wie bei Gruppendynamiker*innen üblich, üben wir uns am Ende auch in Selbstreflexion und fragen uns im Plenum „Welchen Beitrag leistet die Arbeit der DGGO für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte?“

Wer sich für Gruppendynamik und Zugehörigkeit interessiert, sollte diesen Fachtag keinesfalls verpassen. Anmelden kann man sich bereits jetzt:
https://www.dggo.de/fachtag25

WHO´S AFRAID OF GENDER?

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Als Judith Butler 2024 ihr jüngstes Buch publizierte, konnte sie nicht ahnen, wie entsetzlich aktuell es schon bald sein würde. Wir lasen 1990 im Studium „Gender trouble. Feminism and the Subversion of Identity“ voller Neugier und dachten, Butler initiiert einen neuen Wissenschaftszweig. Das tat sie wirklich. Und sie schenkte der patriarchalen Welt einen 1A-Aufreger, der sie selbst inzwischen wahrscheinlich in die Verzweiflung treibt, so wild missverstanden und propagandistisch genutzt wird der Begriff „Gender“ inzwischen.

Dagegen hilft nur lesen. Gern das Original. Ich bin mit „Who´s afraid of gender“ noch nicht ganz durch. Aber es gibt eine Brücke und ein ausgezeichnetes Lockmittel zur Lektüre: Tatjana Schönwälder-Kuntzes ausführliche Rezension, die ich hier sehr empfehle. Tatjana hat Judith Butler schon verstanden, als die sich noch nicht so viel Mühe gab, verständlich zu schreiben. „Who´s afraid of gender“ ist tatsächlich leichter nachvollziehbar als frühere Werke Butlers. Wer es noch leichter haben möchte, kann sich mit der Rezension Appetit holen.

Also: erstmal selbst lesen. Verstehen. Dann über Gender mitquatschen. Alles andere wird Butler und dem Thema Identitätskritik nicht gerecht.

Hier gibt´s den Download:
Vom Emanzipationssymbol zum weltweit gefährdenden Phantasma: Judith Butler über die erschreckende Funktionalisierung des Gender-Begriffs im Namen eines anti-liberalen backlash | Ethik und Gesellschaft
https://ethik-und-gesellschaft.de/ojs/index.php/eug/article/view/3130

GRUPPENDYNAMIK KONKRET: WER KANN WEN DISKRIMINIEREN?

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Die Erforschung von Ingroup-Outgroup-Verhältnissen erklärt Diskriminierung seit den 80er Jahren so (Man kann das in den klassischen Experimenten der Minimalgroup-Forschung nachlesen):

Wo immer ein Mensch sich mit einer Gruppe identifiziert, oder von Anderen mit einer Gruppe identifiziert wird, ist diese Zuschreibung über Kategorien vermittelt (Attribute). Tatsächlich können die Kategorien zuerst da sein, sobald sie soziale Bedeutung gewinnen, hat sich die Gruppenidentität darüber auch schon gebildet. Dafür genügen Minuten. Bedeutsam macht Kategorien z. B. der Wunsch nach Wir-Gefühl, Dazuzugehören oder auch nach Orientierung darüber, wie man sich sozial erwünscht verhält, den eigenen und anderen Leuten gegenüber. Ich muss mich in der Ingroup nicht mehr in jedem Moment fragen, was ich will, weil ich weiß, was man als „Soundso“ tut.

Jede Ingroup grenzt sich von Outgroups auf bestimmte Weise ab. Die Ingroup besteht aus Individuen, die Outgroup sind entindividualisiert „die Anderen“. Die Ingroup wird notorisch aufgewertet, die Outgroup abgewertet durch kategoriale Vorurteile. Hier wird es politisch. Es geht um Hierarchien, um Macht über Andere. Die Macht vergrößert sich mit der Menge der Ingroups, der eine Person angehört. Männlich, weiß, gutsituiert, da lebt man gruppendynamisch auf dem Olymp der Privilegierten. Wenn wir uns treffen, Jungs, lasst uns darüber sprechen, wie wir von dort runter kommen. Wir sind Teil eines Diskriminierungs-Problems:

💡 Die Wirkung, zu diskriminieren, setzt zweierlei voraus,
1. du bist in einer Ingroup und teilst ihre Vorurteile,
2. du hast Macht.
Diese Wirkung haben Frauen allenfalls in einer Kita gegenüber dem einzigen männlichen Erzieher.

👉 Die schlichte Wahrheit ist deshalb: Weiße, Männer, Reiche können nicht diskriminiert werden. (Ausnahme: intersektionell, als homosexueller Mensch, oder als BIPoC in der eigenen Ingroup).

Wer Diskriminierung bekämpfen will, setzt am besten gleich bei der Kategorisierung an, bei den Stereotypen zu Mann/Frau z. B.. An der Differenz hängt kognitiv das Patriarchat. Deshalb ereifern sich trumpartige Männer zuerst über Transmenschen und Queere. Die stellen das Fundament der Hierarchien in Frage.

Wenn Frauen nicht nur die „Anderen“ wären, sondern Individuen, die über ihren Körper wie Männer selbst entscheiden, dann wäre diese Outgroup sehr in Frage gestellt. 👉 Case in point: Shame on you CDU und FDP!

Es geht bei diesen Fragen um Gender, sexuelle Selbstbestimmung, Mein Körper gehört mir u. a. um das gruppendynamische Zentrum gesellschaftlicher Macht.

Entsprechend albern sind die Versuche der Republikaner, DEIB-Bestrebungen als „diskriminierende und illegale Bevorzugungen“ darzustellen. Durch Massnahmen für mehr Diversität, Gerechtigkeit und Teilhabe, sagen sie, werden weiße Männer diskriminiert. Deshalb seien die Maßnahmen abzuschaffen. Als ob DEIB weiße Männer diskriminieren könnte (oder auch nur wollte).

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