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MÄNNLICHKEIT - EIN MYTHOS DER GEWALT (2/6)

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Männer, wie kann das normal sein?

88% der Männer zwischen 18 und 35 in D glauben, so zu sein, wie ein Mann sein sollte. Das ist keine gute Nachricht, wenn es so weitergeht in der Studie:
- Mehr als ein Drittel (34%) gibt an, Frauen gegenüber schonmal handgreiflich zu werden, um ihnen Respekt einzuflößen.
- 63 % berichten, dass sie sich oft mit anderen messen und unter den Besten sein möchten.
- 71 % gehen davon aus, persönliche Probleme selbst lösen zu müssen, ohne um Hilfe zu bitten. In Deutschland sterben btw mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und AIDS z u s a m m e n. 71% der Suizide begehen Männer.

Zählt einmal die U35-Kerle in Eurem Unternehmen durch. Zwei Drittel konkurrieren notorisch mit euch. Ein Drittel ist gewaltbereit gegen Frauen. 63% der jungen Männer fühlen sich manchmal traurig, einsam oder isoliert. Kaum einer würde deshalb Hilfe suchen. Sie setzen sich lieber hinters Lenkrad. 43 Prozent sagen, sie fahren gern draufgängerisch und schnell Auto.

Wieso tun sich Männer so ein einsames, gewaltvolles, gefährliches Leben an?
Warum tun sie das Frauen an?

Weil sie glauben zu wissen, was ein Mann ist und was er tun sollte.

Wer sagt ihnen das? Mein Penis hat mir nie erklärt, was ich zu tun habe als Mann. Das waren meine Eltern, Freunde, Lehrer, Bücher, Filme … Mit welchem Verhalten ich männlich wirke, musste ich erst lernen. Durchaus schmerzvoll. Niemand kommt männlich zur Welt. Aber alle Männer fürchten, es nicht zu sein. Die „Männlichkeit“, die wir lernen, macht uns glauben, es gäbe bei Menschen mit Penis einen Wesenskern, den sie ausleben oder verfehlen können. „Männlichkeit“ ist mythologisches Denken und eine Falle. Da ist kein Wesen und kein Kern. Da bist nur Du.

Was der anerzogene Mythos bewirkt: Ich werde nie erfahren, wer ich wäre, wenn nicht schon bei meiner Geburt festgestanden hätte, was ich zu sein habe. Manche Menschen akzeptieren das grundsätzlich nicht. Wir sollten sie feiern - Trans-Menschen und queere Menschen, die sich trauen, nicht auf gesellschaftliche Normtypen festgelegt zu sein. Auch sie fühlen sich sicher „manchmal traurig, einsam oder isoliert“, aber aus einer anderen Haltung heraus. Sie bestimmen ihre Normen aktiv mit. Sind das nicht die Mitarbeitenden, die sich jedes Unternehmen wünscht? Selbstbestimmt, „out of the box“ denkend, innovativ, unangepasst und mutig?

Im Arbeitsleben ist, so weit ich sehe, mythische „Männlichkeit“ nach wie vor Trumpf. Frauen sind in D nur auf 5% der CEO-Posten zu finden. Aber wenn wir Männer uns wünschen, dass unser Arbeitsleben stressfreier, weniger gewaltsam und weniger gefährlich wird, dann müssen wir uns von Mythen der „Männlichkeit“ trennen, die uns kaputt machen.


Ich beziehe mich auf diese Quelle:
https://www.plan.de/fileadmin/website/04._Aktuelles/Umfragen_und_Berichte/Spannungsfeld_Maennlichkeit/Plan-Umfrage_Maennlichkeit-A4-2023-NEU-online_2.pdf

DIE TECHNIK DES MYTHOS - FASCHISMUS ALS SOZIALTECHNOLOGIE (1/6)

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Ernst Cassirer hat 1945 das Buch „Der Mythus des Staates“ veröffentlicht. Darin versucht er zu verstehen, wie das Grauen des Faschismus möglich war. Seine Analyse ist heute mehr als lesenswert:
- Cassirer beschreibt, wie die Faschisten eine neue Sozialtechnologie nutzen. Sie lockern die „früheren sozialen Bindungen - Gesetz, Gerechtigkeit, Verfassungen […]. Was allein zurückbleibt, ist die mystische Macht und Autorität des Führers […].“ D. h. Der Faschismus erzeugt eine Mythologie, die die rationalen Grundlagen des politischen Lebens zielstrebig zerstört.
- Dazu greift er auf Mythen wie die Rassenlehre zurück, die jeder politischen Legitimität entbehren. „Die neuen politischen Mythen wachsen nicht frei auf. […] Sie sind künstliche Dinge, von sehr geschickten und schlauen Handwerkern erzeugt. […] Künftig können Mythen im selben Sinne und nach denselben Methoden erzeugt werden, wie jede andere moderne Waffe.“ Z. B. der Führerkult ist so eine Waffe.
- Zur Technik des Mythos gehört es, die Sprache magisch zu gebrauchen und ihrer logischen und semantischen Funktion zu berauben. Es geht nicht mehr um die Bedeutung des Gesagten, sondern um die emotionale Bindung, die es erzeugt. Du kannst lügen, wenn die Lüge die passende Emotion weckt: passend zum gewählten Mythos, z. B. von den ›gefährlichen‹ Asylsuchenden im Land. Dazu kommt die mythische Wirkmacht, die die Sprache jeder überprüfbaren Realität beraubt: Der Krieg gegen den Iran ist in wenigen Stunden gewonnen, so wie das deutsche Reich tausend Jahre währt.
- Die Technik des Mythos vereinfacht das Leben: Menschen verlieren ihre Freiheit, wenn sie dem Führer folgen, aber sie werden dabei auch ihre quälende Verantwortung los. Was kümmert mich der Klimawandel, die Ungerechtigkeit in der Welt und die Grausamkeit der Kriege, wenn es den Führer nicht kümmert?
- Cassirer hofft auf „höhere Kräfte“, die den mythischen Unterbau des sozialen Lebens in Schach halten. „Solange diese Kräfte, intellektuelle und moralische, ethische und künstlerische, in voller Stärke stehen, bleibt der Mythus gezähmt und unterworfen. Aber wenn sie einmal ihre Stärke zu verlieren beginnen, ist das Chaos wiedergekommen.“

Cassirer wusste nichts von Internet und Social Media. Wie in den neuen Medien Mythen handwerklich erzeugt werden, kann man an der Manosphere studieren. Es gibt da alle Mythologien des Faschismus, die offen menschenfeindlich sind: besonders Rassismus, Klassismus, Ableismus und Sexismus werden laufend erneuert.

Was Cassirer bereits kannte, ist unsere unauflösliche Verstricktheit in mythisches Denken und Fühlen. Menschen sind und bleiben Teil des Problems und es kostet uns Kraft, uns rational aus dem mythischen Sumpf zu stemmen. Als Mann bin ich handelndes Subjekt der sexistischen Mythen, in denen wir leben. Warum es sich lohnt, diesen mythischen Mist infrage zu stellen, werde ich hier unter dem Titel „MÄNNLICHKEIT - EIN MYTHOS AM ENDE“ weiter diskutieren.



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