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MÄNNLICHKEIT - EIN MYTHOS VON ANSPRÜCHEN UND BESITZ (4/6)


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MÄNNLICHKEIT - EIN MYTHOS VON ANSPRÜCHEN UND BESITZ

Auf den ersten Blick ist es ein Leben voller Vorzüge, das Männer erwartet. Ihnen wachsen dominante Positionen zu, sie gelten als Norm, an der sich andere messen lassen müssen. Ein Mann zu sein, bedeutet, mächtig zu sein und Karrierevorteile zu genießen. „Männlichkeit ist, als soziales Konstrukt, scheinbar unauflöslich mit Macht konnotiert. Die symbolische Verknüpfung von Männlichkeit und Macht gilt für die heterosoziale wie für die homosoziale Dimension der Gesellschaftsverhältnisse.“ (Michael Meuser, Geschlecht, Macht, Männlichkeit, in: EWE (Anm. 2), S. 325–336, hier: S. 327)

Der Mythos, dass Männer im Grunde Frauen überlegen sind, ist als patriarchale Dividende beschrieben worden. Als eine in der Gesellschaft breit verankerte Grundüberzeugung, auf die sich (nicht nur) Männer zurückziehen können, wenn es ihnen an ihre Privilegien geht. Die Besitzansprüche im Zielbild der Männlichkeit sind umfassend: dazu gehören Ansprüche auf Anerkennung, Dominanz sowie den seelischen Beistand und den Körper von Frauen. Wer glaubt, dass ihm all das selbstverständlich zusteht, hat sich für ein Leben voller Kränkungen entschieden. Weil nichts davon legitim gefordert werden kann.

Während weibliche Führungskräfte in meiner Praxis eher dazu neigen, ihre Eignung und Kompetenz selbstkritisch zu hinterfragen, zweifeln die Männer vergleichsweise selten daran, für ihre Leitungsposition der Richtige zu sein. Gehalt, Status, Entscheidungsmacht, Personalverantwortung, Dienstwagen etc. - alles steht ihnen fraglos zu. Der berufliche Erfolg ist einfach die Bestätigung ihrer Selbstbeschreibung. So bin ich eben. Ein echter Mann. Es ist eigentlich kein Erfolgsrezept für Unternehmen, wenn die ego-orientierten Ansprüche der Führungskräfte von Anfang an ihre wichtigste Motivation darstellen. Aber man staune:

Die Männerforschung beschreibt die männliche Identität als den Kit, der in der globalisierten Wirtschaft transnationale Kooperationen trotz harscher Konkurrenz stabilisiert. Es hat sich ein „Genderregime“ entwickelt, das Männern im Management die Kooperation unter Bros weltweit erlaubt. Sozial schlechter gestellte Männer sind von der Party ausgeschlossen. Sie profitieren deutlich weniger von den patriarchalen Strukturen. Sie sind ihnen ausgesetzt. Mächtigere verfügen über sie als Arbeitskraft. Die Ohnmächtigen kompensieren ihre Gefühle, abgehängt und ausgenutzt zu sein, wiederum mit den Möglichkeiten „männlicher“ Verhaltensnormen. Sie führen sich diskriminierten Gruppen gegenüber dominant auf und kassieren ihre patriarchale Dividende. Viele Männer geben tatsächlich lieber ihr Leben auf, als ihre „Männlichkeit“ zu riskieren, und zu sagen, „ich kann nicht mehr“, „in dem abgekarteten Scheißspiel kann ich nicht gewinnen.“ Lasst uns die Regeln ändern.

MÄNNLICHKEIT - WAS MÄNNER ALLES MÜSSEN (3/6)

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Mal unter uns gesagt, Jungs: wie ist das, wenn einer seiner Kollegin auf den Hintern starrt? Ihr einen Klaps gibt? Ihren Körper ungefragt kommentiert? Peinlich und übergriffig ist das. ABER: (und da würden sogar manche Feministinnen beipflichten) so sind wir Männer eben. Testosteron. Kann man nichts machen…

Privat und in meiner Praxis als Berater höre ich immer wieder von Fällen sexualisierter Gewalt. Eine Klientin besucht eine Betriebsfeier, trinkt mit und wird auf dem Heimweg von einem Mann vergewaltigt. „Wie unvorsichtig. Man weiß doch, wie Männer sich verhalten, wenn sie getrunken haben“. Ja, das ist bekannt. Und der Kommentar führt vollkommen in die Irre. Er macht aus dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung eine Selbstschutzaufgabe für Frauen unter Tieren.

Hinter all dieser Entschuldigungsrhetorik steht ein verbreiteter Mythos von Männlichkeit. Ein Mann wird darin einem Dampfkessel verglichen, der unablässig von der Flamme seines Sexualtriebs beheizt wird. Wenn er nicht oft genug „Druck ablässt“, kocht er eben über, egal wer grade vor ihm steht. Wer nicht bei drei auf dem Baum ist, war zu langsam. Darin soll der Mann so selbstbestimmt sein, wie der Kolben einer Dampflok. A man´s gotta do, what a man´s gotta do.

Dieser Mythos ist eine unerträglich entwürdigende Sicht auf männlich gelesene Menschen. Alle, die einen Penis haben, sollten auf diesem Männlichkeitsschiff sofort meutern. Hört gut zu, Incels: Männer schaffen es ganz ohne Amoklauf, jahrelang keinen Sex zu haben.

Der Mythos von der männlichen Sexabhängigkeit ist ein Ablenkungsmanöver.
- Er lenkt davon ab, dass Männer (muss ich das betonen?) ihr Sozialverhalten zurechnungsfähig selbst entscheiden und dafür auch verantwortlich zu machen sind.
- Er lenkt davon ab, dass Frauen ebenso sexuelles Begehren kennen. Und es gelingt ihnen ganz überwiegend, es zu befriedigen, ohne anderen Menschen dabei Gewalt anzutun.
- Der Mythos lenkt außerdem davon ab, dass Frauen Männern keinen Sex schulden (auch kein Geld, keine Care-Arbeit, keine Bewunderung, keine seelische Unterstützung).
- Und er lenkt davon ab, wessen Macht durch den Mythos geschützt wird. Spoiler alert: die der Patriarchen.

Was heißt das am Arbeitsplatz?

Der ideale Mitarbeiter ist anspruchsvoll, konkurrierend und leistungswillig ohne Ende. Er will und kann immer. „Dienst nach Vorschrift“, „vertraglich vereinbarte Leistungspflichten“, „Das Glück der Faulheit“ stellen seine Identität in Frage. Druckkessel-Männlichkeit ist der feuchte Traum des Kapitals. Und für Männer der sicherste Weg in Burnout und Depression.

Noch ein Wort dazu, wie das mythische Denken funktioniert und triumphiert: Bilde eine Gruppe („Männer“). Verknüpfe sie mit normativen Kategorien - „notgeil“ (3/6), „anspruchsberechtigt“ (4/6), „immer leistungswillig“ (5/6). Sanktioniere Abweichungen als Outgroup, z. B. als „schwul“. Denke nicht darüber nach, wem so ein Mythos dient (reichen weißen Vätern, Söhnen, Männern, 6/6).

DIE TECHNIK DES MYTHOS - FASCHISMUS ALS SOZIALTECHNOLOGIE (1/6)

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Ernst Cassirer hat 1945 das Buch „Der Mythus des Staates“ veröffentlicht. Darin versucht er zu verstehen, wie das Grauen des Faschismus möglich war. Seine Analyse ist heute mehr als lesenswert:
- Cassirer beschreibt, wie die Faschisten eine neue Sozialtechnologie nutzen. Sie lockern die „früheren sozialen Bindungen - Gesetz, Gerechtigkeit, Verfassungen […]. Was allein zurückbleibt, ist die mystische Macht und Autorität des Führers […].“ D. h. Der Faschismus erzeugt eine Mythologie, die die rationalen Grundlagen des politischen Lebens zielstrebig zerstört.
- Dazu greift er auf Mythen wie die Rassenlehre zurück, die jeder politischen Legitimität entbehren. „Die neuen politischen Mythen wachsen nicht frei auf. […] Sie sind künstliche Dinge, von sehr geschickten und schlauen Handwerkern erzeugt. […] Künftig können Mythen im selben Sinne und nach denselben Methoden erzeugt werden, wie jede andere moderne Waffe.“ Z. B. der Führerkult ist so eine Waffe.
- Zur Technik des Mythos gehört es, die Sprache magisch zu gebrauchen und ihrer logischen und semantischen Funktion zu berauben. Es geht nicht mehr um die Bedeutung des Gesagten, sondern um die emotionale Bindung, die es erzeugt. Du kannst lügen, wenn die Lüge die passende Emotion weckt: passend zum gewählten Mythos, z. B. von den ›gefährlichen‹ Asylsuchenden im Land. Dazu kommt die mythische Wirkmacht, die die Sprache jeder überprüfbaren Realität beraubt: Der Krieg gegen den Iran ist in wenigen Stunden gewonnen, so wie das deutsche Reich tausend Jahre währt.
- Die Technik des Mythos vereinfacht das Leben: Menschen verlieren ihre Freiheit, wenn sie dem Führer folgen, aber sie werden dabei auch ihre quälende Verantwortung los. Was kümmert mich der Klimawandel, die Ungerechtigkeit in der Welt und die Grausamkeit der Kriege, wenn es den Führer nicht kümmert?
- Cassirer hofft auf „höhere Kräfte“, die den mythischen Unterbau des sozialen Lebens in Schach halten. „Solange diese Kräfte, intellektuelle und moralische, ethische und künstlerische, in voller Stärke stehen, bleibt der Mythus gezähmt und unterworfen. Aber wenn sie einmal ihre Stärke zu verlieren beginnen, ist das Chaos wiedergekommen.“

Cassirer wusste nichts von Internet und Social Media. Wie in den neuen Medien Mythen handwerklich erzeugt werden, kann man an der Manosphere studieren. Es gibt da alle Mythologien des Faschismus, die offen menschenfeindlich sind: besonders Rassismus, Klassismus, Ableismus und Sexismus werden laufend erneuert.

Was Cassirer bereits kannte, ist unsere unauflösliche Verstricktheit in mythisches Denken und Fühlen. Menschen sind und bleiben Teil des Problems und es kostet uns Kraft, uns rational aus dem mythischen Sumpf zu stemmen. Als Mann bin ich handelndes Subjekt der sexistischen Mythen, in denen wir leben. Warum es sich lohnt, diesen mythischen Mist infrage zu stellen, werde ich hier unter dem Titel „MÄNNLICHKEIT - EIN MYTHOS AM ENDE“ weiter diskutieren.



FACHTAG „ZUGEHÖRIGKEIT: SICHERERE RÄUME FÜR INNERES WACHSTUM“ 07.11.25

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Unser nächster Fachtag am 7. November 25 schliesst thematisch an den letzten im Februar zum „langen Schatten des Patriarchats“ an. Wir nehmen diesmal ein gruppendynamisch gut etabliertes Thema, die erlebte Zugehörigkeit, in den Fokus. Wenn wir in Trainings oder Beratungen beobachten, dass sich Menschen unterschiedlich sicher zugehörig fühlen, unterschätzen wir leicht die existentielle Tiefe dieses Erlebens. Der Psychiater Joachim Bauer resümiert Ergebnisse eines Experiments: „Das menschliche Gehirn bewertet zugefügten körperlichen Schmerz auf die gleiche Weise wie soziale Ausgrenzung und Demütigung.“ Ausgrenzung löst erhebliche Alarmreaktionen im Körper aus. Sicherere Räume sind kein Luxus, sie sind eine Frage der Menschenwürde.

Wir haben großartige Speakerinnen für unser Podium gewonnen:
- Selmin Çalışkan, Strategic Advisor & Executive Coach, war seit 2019 die Direktorin für Institutionelle Beziehungen im Berliner Büro der Open Society Foundations. Von 2013 bis 2016 war sie die Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International.
- Dr. Irina Volf ist Direktorin und Bereichsleitung Armut am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.
- Edina Wiesner ist Trainerin und Inhaberin der Wiesner & Snir Academy and Consulting, Budapest.
Sie werden eigene und berichtete Erfahrungen diskutieren und die realen Risiken fehlender Zugehörigkeit beschreiben.
- Cornelia Schneider ist Trainerin für Gruppendynamik und Trainerin zu diskriminierungssensibler Bildungsarbeit.
Moderieren wird das Podium Prof. Dr. Annika Wolf.

Am Nachmittag gehen wir zentralen Fragen in 4 Workshops nach:
„Zugehörigkeit aus rassismuskritischer Perspektive. Möglichkeiten in der Gruppendynamik.“ (Cornelia Schneider)
„Sexismus“ (Annabelle Schächinger, Silke Mathes)
„Mit Sicherheit unsicher in Schwellenräumen“ (Andrea Kleinhuber)
„Fremdheit, Vorurteil - wie kommen wir in Kontakt?“ (Edina Wiesner, Thomas Vogl)

Wie bei Gruppendynamiker*innen üblich, üben wir uns am Ende auch in Selbstreflexion und fragen uns im Plenum „Welchen Beitrag leistet die Arbeit der DGGO für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte?“

Wer sich für Gruppendynamik und Zugehörigkeit interessiert, sollte diesen Fachtag keinesfalls verpassen. Anmelden kann man sich bereits jetzt:
https://www.dggo.de/fachtag25

GRUPPENDYNAMIK KONKRET: WER KANN WEN DISKRIMINIEREN?

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Die Erforschung von Ingroup-Outgroup-Verhältnissen erklärt Diskriminierung seit den 80er Jahren so (Man kann das in den klassischen Experimenten der Minimalgroup-Forschung nachlesen):

Wo immer ein Mensch sich mit einer Gruppe identifiziert, oder von Anderen mit einer Gruppe identifiziert wird, ist diese Zuschreibung über Kategorien vermittelt (Attribute). Tatsächlich können die Kategorien zuerst da sein, sobald sie soziale Bedeutung gewinnen, hat sich die Gruppenidentität darüber auch schon gebildet. Dafür genügen Minuten. Bedeutsam macht Kategorien z. B. der Wunsch nach Wir-Gefühl, Dazuzugehören oder auch nach Orientierung darüber, wie man sich sozial erwünscht verhält, den eigenen und anderen Leuten gegenüber. Ich muss mich in der Ingroup nicht mehr in jedem Moment fragen, was ich will, weil ich weiß, was man als „Soundso“ tut.

Jede Ingroup grenzt sich von Outgroups auf bestimmte Weise ab. Die Ingroup besteht aus Individuen, die Outgroup sind entindividualisiert „die Anderen“. Die Ingroup wird notorisch aufgewertet, die Outgroup abgewertet durch kategoriale Vorurteile. Hier wird es politisch. Es geht um Hierarchien, um Macht über Andere. Die Macht vergrößert sich mit der Menge der Ingroups, der eine Person angehört. Männlich, weiß, gutsituiert, da lebt man gruppendynamisch auf dem Olymp der Privilegierten. Wenn wir uns treffen, Jungs, lasst uns darüber sprechen, wie wir von dort runter kommen. Wir sind Teil eines Diskriminierungs-Problems:

💡 Die Wirkung, zu diskriminieren, setzt zweierlei voraus,
1. du bist in einer Ingroup und teilst ihre Vorurteile,
2. du hast Macht.
Diese Wirkung haben Frauen allenfalls in einer Kita gegenüber dem einzigen männlichen Erzieher.

👉 Die schlichte Wahrheit ist deshalb: Weiße, Männer, Reiche können nicht diskriminiert werden. (Ausnahme: intersektionell, als homosexueller Mensch, oder als BIPoC in der eigenen Ingroup).

Wer Diskriminierung bekämpfen will, setzt am besten gleich bei der Kategorisierung an, bei den Stereotypen zu Mann/Frau z. B.. An der Differenz hängt kognitiv das Patriarchat. Deshalb ereifern sich trumpartige Männer zuerst über Transmenschen und Queere. Die stellen das Fundament der Hierarchien in Frage.

Wenn Frauen nicht nur die „Anderen“ wären, sondern Individuen, die über ihren Körper wie Männer selbst entscheiden, dann wäre diese Outgroup sehr in Frage gestellt. 👉 Case in point: Shame on you CDU und FDP!

Es geht bei diesen Fragen um Gender, sexuelle Selbstbestimmung, Mein Körper gehört mir u. a. um das gruppendynamische Zentrum gesellschaftlicher Macht.

Entsprechend albern sind die Versuche der Republikaner, DEIB-Bestrebungen als „diskriminierende und illegale Bevorzugungen“ darzustellen. Durch Massnahmen für mehr Diversität, Gerechtigkeit und Teilhabe, sagen sie, werden weiße Männer diskriminiert. Deshalb seien die Maßnahmen abzuschaffen. Als ob DEIB weiße Männer diskriminieren könnte (oder auch nur wollte).

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