Beitrag auf LinkedInDas kennen wir Männer, oder? „Leistung muss sich wieder lohnen!“ Der Spruch ist im Kapitalismus das phallische Credo. Wer leistet, ist anspruchsberechtigt und zählt. Wer immer mehr leistet, ist bereits angezählt, könnte man entgegnen. Denn auch Männer sehen auf Dauer in einem Leben keinen Sinn, in dem sie nie schwach sein dürfen.
„Im Jahr 2024 beendeten 10.372 Menschen ihr Leben durch einen Suizid. Das waren 0,7 % mehr Fälle als im Vorjahr und 7,1 % mehr als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Die tendenzielle Verteilung zwischen Männern (71,5 %) und Frauen (28,5 %) ist dabei relativ konstant geblieben.“
2024 nahmen sich j e d e n T a g ca. 20 Männer in Deutschland das Leben.
Das muss man erstmal sacken lassen.
Fachleute für Suizidprävention führen das auf wenige ziemlich stereotype Faktoren zurück:
- Männer kommen mit schwierigen Lebenssituation nicht so gut klar, weil sie sozial unverbundener leben und mit wenig wirksamen Coping-Strategien hantieren.
- Männer werden krank oder depressiv, fragen aber aus Stolz oder Scham nicht um Hilfe. Gesellschaftliche Männlichkeitsklischees vermitteln ihnen: Männer sollen auch in problematischen Situationen alleine stark sein und weiterschuften. „Schaffe, ned schwätze“, empfiehlt der Milliardär Würth seinen Mitarbeitern.
- Männertypische Berufe gehen zum Teil mit „einem erhöhten Risiko für Arbeitsunfähigkeit, Alkoholsucht oder Drogensucht sowie posttraumatischem Stress“ einher.
Kurz: Männer tun Männerdinge. Bis zu Karōshi.
Nähme man das für Männer Typische aus diesen Motivlagen und Bewältigungsmustern heraus, würden wohl die meisten Verzweifelten noch leben.
„Männlichkeit“ ist für Menschen, die am Leben hängen, offenbar hochproblematisch. Was machen wir jetzt damit, Männer? Wir könnten uns einmal fragen, was in Unternehmen passiert, wenn immer mehr Standvermögen und Durchsetzungskraft unter der Bedingung von Konkurrenz gefordert wird. Immer „mehr männliche Energie“ (Zuckerberg) von immer ausgelaugteren Menschen.
Wir wissen, dass die Ansprüche der mächtigen Menschen in unserem Wirtschaftssystem nicht befriedigt werden können. Es ist schlicht nicht vorgesehen, dass das Wachstum ein Ende findet. Dass es einmal reicht. Dass mehr einfach nicht mehr geht. Dass wir keine Lust oder Kraft mehr haben. Es wird global viel davon abhängen, ob wir Männer es schaffen, uns von Besitztiteln und Leistungsidealen zu trennen und gemeinsam Sinn in ganz einfachen Fragen zu finden: „wenn ich einmal kurz davon absehe, dass ich männlich wirken soll, was tut mir eigentlich gut?“ „Was brauche ich?“ „Was will ich denn für mein Leben?“ Immer noch mehr leisten? Echt jetzt?
Tags: Feminismus, DEIB, Demokratie